Das Karabagh Pferd - eine Reise nach Bakueingesandt von Verena Scholian am 15.04.2002

Vielversprechend war sie nicht, die Meldung aus Baku.

Ja, natürlich gibt es noch Karabaghpferde, und dann wurde aufgezählt: hier eine Stute, dort eine oder auch zwei, da sogar mal vier, eine Person hat auch einen Deckhengst, Yashar, unser Kontaktmann in Baku, selbst habe 22 Karabaghpferde, davon aus Regierungsbesitz etwa 6 Stuten, einige Nachzuchthengste und einen Deckhengst, und dann sei da auch noch eine Herde von etwa 120 Pferden in Regierungsbesitz etwa 350 km weit von Baku entfernt in Lanbaran, vielleicht dürften wir die auch mal sehen. Mit diesen Auskünften machten wir uns auf den Weg. Wir das waren zwei Karabaghpferdefans, Sandra aus der Schweiz und Verena aus Deutschland und Hans-Peter, eigentlich ein Schweizer Pferdefan von Kabardinern, aber mangels Kabardinern zur Zeit mit einer etwas klein geratenen Trakehnerstute beritten. Schon die Suche nach günstigen und vertrauenerweckenden Luftlinien gestaltete sich schwierig: es gab schon Möglichkeiten Baku anzufliegen... eine davon: per Lufthansa von Basel - via Frankfurt - nach Baku. Also fuhr ich (Verena) erst mal mit der DB nach Basel. Da dies eine separate Geschichte abgeben würden, bei der die Deutsche Bundesbahn nicht unbedingt eine rühmliche Rolle spielt, überspringe ich hier einen Tag und schildere einfach noch einen Tag mit Gurman, dem Karabaghwallach, der in der Schweiz, der nach einem Jahr Westerntraining bereits mit Feuereifer... nun ja, gedämpftem Feuereifer - er ist von der cleveren Sorte, die nichts überstürzt, dafür aber sehr korrekt und immer mit dem einen Ohr auf seinen Reiter hörend, die Westernlektionen abspult.... Einfach toll... Dienstags flogen wir dann in Richtung Baku.

Um 21.30 Uhr landeten wir in der Küstenstadt am Kaspischen Meer, standen aber im Flughafen-Empfangsraum dort noch lange am Schalter für ausländische Besucher, weil wir ja noch kein Visum hatten. Draußen wartete schon Yashar auf uns, der uns nach mehr als einer zusätzlichen Stunde Wartezeit mit einer Rose für jede von uns empfing... wir waren mehr als überrascht. (Yashar gestand uns später, dass sein Schwager, der mit musste, weil er ein Auto hatte, bereits nicht mehr an ein Kommen unsererseits glaubte, als alle anderen Fluggäste schon längst draußen waren, aber er standhaft sagte: wenn eine Deutsche sagt, sie kommt, dann kommt sie! - Danke Yashar!) Unser erster Eindruck von Baku war schon aus der Luft etwas merkwürdig... es gab Riesenflächen, die beleuchtet waren (Häuser, Straßen, Industrie), dann wiederum eine große Fläche mitten drin, die nicht beleuchtet war... (zunächst nicht erklärbar), stellte sich dann als große Flächen mit Fördertürmen für Öl heraus. Bakus Hotels waren für uns unbezahlbar - keines unter 200 $ pro Nacht. Gott sei Dank hatte Yashar bereits ein Kwartira (Wohnung auf russisch und genauso sah sie auch aus, aber das war unwichtig) angemietet und das kostete nur 30 $ pro Nacht (für uns alle). Über so gewisse Unzulänglichkeiten (Mosquitos, verklebte Fenster, ...) spricht man dann nicht. Zudem sind 30 $ der Monatslohn eines Aserbaidschaners. Komisch, wir gingen immer davon aus, dass Öl ein Land reich macht (siehe Kuwait)... scheint nicht für alle zu gelten. Yashar erzählte uns bereits auf der Fahrt zur Stadt -übrigens in einem "Schiguli"-, dass ein Teil der aserbaidschanischen Karabaghzucht in privater Hand liege und ein weiterer Teil (wohl der zahlenmäßig größte) noch in Regierungsbesitz seien. Die privaten Pferde seien jedoch in weitaus besserem Futterzustand als die regierungseigenen Pferde.

Er fragte auch noch, ob wir auch Interesse daran haben, andere Pferde zu sehen, zum Beispiel die Dilbossen??? Klar hatten wir! Außerdem sagte er uns, dass er heute wieder Karabaghnachwuchs bekommen habe, ein Hengstchen von Lupa, einer seiner Stuten, die wir zu einem späteren Zeitpunkt noch sehen sollten. Nach der Ankunft in der gemieteten Wohnung vereinbarten wir noch ein Programm für den darauf folgenden Tag, der natürlich Pferde vorsah... aber es kam anders.

Erster Tag in Baku:

Eigentlich hatten wir vorgesehen, uns um 10:00 mit Yashar zu treffen, um uns die Pferde auf der Rennbahn in Baku anzuschauen (Karabaghen, Dillbosser, sonstige), aber ein Anruf vom Landwirtschaftsministerium warf alles über den Haufen, wir mussten unsre Neugier erst einmal zügeln: die Europäer sollten doch zuallererst ins Ministerium kommen, um dort mit dem Vizelandwirtschaftsminister zu sprechen. - Da gab es ja wohl kaum Widerspruchsmöglichkeiten... Mit einem "Mercedes" sowjetischer Bauart ("Wolga") wurden wir abgeholt und ins Ministerium befördert, wo wir einen Empfang beim Landwirtschaftsministerium hatten (wie uns Yashar später erzählte, hatte der Vizeminister vergeblich versucht, unsere Ankunft zu verhindern, um über den traurigen Zustand seiner eigenen Pferde hinweg zu täuschen, aber Yashar hatte uns das gar nicht erst mitgeteilt). Yashar fungierte als Dolmetscher vom Englischen ins Aserbaidschanische, da Verenas Russischkenntnisse vielleicht für ein Überleben ausreichend, aber für ein Gespräch völlig unzureichend waren.

Indirekt machte uns der Regierungsbeamte klar, dass die Karabaghen der Regierung in einem desolaten Zustand sind (bislang hatten wir noch keinen einzigen gesehen!) und entschuldigte dies mit Anfangsschwierigkeiten des jungen, unabhängigen, demokratischen (? -dazu später mehr) Staates, der zwar viel Öl, aber kein Geld (zumindest nicht für Karabaghen) besitzt. Aber auch wir wurden nach unseren Gründen befragt, warum es ausgerechnet Karabaghen sein mussten, und welche Vorteile unserer Meinung nach ein Karabaghpferd hat. Wir waren eigentlich ganz froh, einmal mitteilen zu dürfen, welche Vorzüge am Karabagh wir keinesfalls missen wollten: die handliche Größe und der quadratische kompakte Körperbau, der die Karabaghen schnell, wendig und westerngeeignet macht, die Umgänglichkeit, die die Karabaghen zu Familienpferden werden lässt und vor allem, ihre Trittsicherheit als Bergpferde, die auch hoffentlich nicht durch die ungewöhnliche Erhaltungszucht mit Vollblutarabern verloren gehen sollte, deshalb wiesen wir besonders darauf hin, dass auch die Zuchtprüfungen auf der Rennbahn für Karabaghen eigentlich keine ideale Lösung seien, da sie nie beweisen können, dass sie gebirgstauglich sind.

Verena wurde nach ihren Kenntnissen über weitere aserbaidschanische Pferderassen befragt und gab an, dass sie noch ein bisschen über die Dilbossen wusste: drahtig, hart, ausdauernd, auch mit relativ schwerem Gepäck noch unermüdlich (bis 120 kg auf Distanzen von 40 km im Gebirge - kein Problem). Dies wurde anerkennend bestätigt. Yashar bat hier um die Erlaubnis, die regierungseigenen Pferde, die auf der Rennbahn stehen, sehen zu dürfen. Wir durften! Allerdings nicht, ohne vorher noch ein Telefongespräch anzuhören, von dem wir zwar nichts verstanden, aber durch die Lautstärke und die Tonlage überzeugt waren, es wurden hier schnell noch Anweisungen für das Personal auf der Rennbahn weitergegeben. Normalerweise hätten wir um diese Uhrzeit unsere knurrenden Mägen, die -dank Yashar- zwar ein paar Kekse, Nescafé und Äpfel als Frühstück gesehen hatten, aber ansonsten ziemlich leer waren, besänftigen sollen, aber wir waren ja nicht in Baku, um an knurrende Mägen zu denken. Also fuhren wir zum Hippodrom, noch immer mit Chauffeur und "Wolga". Hier wurden uns in blitzsauberen, stroh- oder späneeingestreuten Ställen stehend, alle privaten Karabaghen, aber auch Dilbossen vorgeführt, einer schöner als der andere.

Wir kamen aus dem Staunen nicht heraus: Die erste, die uns vorgeführt wurde war Ayna, eine Arabo-Karabaghstute, die auch hier für das Zuchtausleserennen trainiert wurde, der nächste Karabagh war Lapir, ein Nachzuchthengst von Yashar, danach folgte Sahil, ein weiterer erfolgversprechender Nachwuchshengst mit guter Abstammung, aber auch ein Jährling wurde uns gezeigt, der noch keinen Namen hatte und von Carabin stammte, der im neuen Stall untergebracht war. Weitere hier zum Training stehende Pferde waren: Apollon - Arabo-Karabagh, 11 Jahre alt, Siavush (von Carabin) 4 Jahre alt, diesen Hengst haben wir (Verena und Hans Peter) anschließend einmal reiten dürfen... herrlich!

Hier sahen wir auch das erste Mal in unserem Leben einen Dilboss ("Pribor"), strahlend weiß, mit arabischem Einschlag, der uns auch vorgeritten wurde, mit einem Sattel, der mehr nach Pad aussah. Verena fragte nach dem möglichen vierten Gang (Tölt) bei Dilbossen, erhielt aber statt einer Antwort nur eine Gegenfrage: was ist denn das? Wir sollten schon noch dahinter kommen. Zweijährige wurden bereits auf der Rennbahn trainiert, sahen bereits muskulös und wie dreijährige aus. Einer der Jockeys kannte alle Namen, alle Abstammungen und erinnerte sich auch noch an Inturist. "Inturist" ? ach ja, Yashar sagte uns, es gäbe keinen Karabaghzüchter in Baku, der Inturist und Verena nicht kenne... woher? Ja natürlich, die Zeitungsartikel, die ich nach Baku geschickt hatte, hatten unbeabsichtigt ihre Runde gemacht, beim Umzug des Ministeriums war eine der Zeitschriften, die dort in einer Schublade schlummerte, mal "ausgeliehen" worden, um so den Kontakt mit Westeuropa und der IG Karabagh herzustellen. Wir ließen uns auch das Futter zeigen: Gerstenkleie, Gerste sowie Weizen und Weizenkleie (kein Hafer, keine Pellets, kein Fertigfutter), das Heu war äußerst rau und faserig, fast strohartig.

Alle Pferde waren in guter Kondition, drahtig und muskulös, nicht rund und abgedreht (hier lachten alle, als sie Gurmans Foto sahen... klar: Gurman heißt auf deutsch: Feinschmecker und genau das ist er auch!) Gurman (Sandras Karabagh) wird nun auch den Aserbaidschanern in bleibender Erinnerung sein! - auch die mitgebrachten illustrierten Pferdezeitungen mit den Karabagh-Artikeln machten die Runde und wurden von allen Anwesenden bestaunt. Wir bemerkten allmählich, dass von den anfangs vier Personen die Zahl der Zuschauer mittlerweile auf etwa 20 angestiegen war und es wurden immer mehr.

Beim Gang durch den neuen, noch im Bau befindlichen Teil des Stalles (übrigens hell mit großen freundlichen Boxen, jedoch ohne Zugang ins Freie), stellte sich heraus, dass einer der Aserbaidschaner wohl ein Faible für Budjonnys und russische Trakehner haben musste (Rostow und Kirow). Zumindest der wunderte sich sehr über Verenas Kenntnisse sowie die Abstammungen einige seiner Pferde und wir wunderten uns über den Import von Russenpferden, wenn man selbst so tolle Pferde im eigenen Land hat. Aber auch hierzu gab´s später noch Erklärungen. Hier wurden uns weitere Karabaghen, aber auch Delbossen vorgeführt: ein rotgrauer Delboss, 2 Jahre alt namens "Simsim", sowie ein weiterer Delboss "Sünbül". Aber auch weitere herrliche Karabaghen: Carabin (er ist Jahrgang 1985, deutlich zu erkennen an seinem Kaltbrand in der rechten Sattellage)seine Abstammung: Vater: Salsal, Mutter: Gapaly, der hier Vaterpflichten erfüllen muss und dies natürlich gern tut. Ein weiterer Karabaghhengst namens Agri erschien uns im Vergleich zu Carabin etwas groß geraten und auch wesentlich massiver als Carabin (allerdings mag das auch durch die Stehmähne unterstützt worden sein). Er war erst 4 Jahre alt. Zur Abwechslung nach den vielen Karabaghen (uns wurden die nie zuviel), wollte uns jemand mal einen Gefallen tun und führte nun einen äußerst korrekt gebauten, kompakten und gut aussehenden Budjonny-Hengst vor, der "Nur" hieß.

Das reichte uns aber auch und wir wollten wieder Karabaghen sehen: Es folgten dann: Nasim, ein Arabo-Karabaghhengst von 4 Jahren, Shiraz, eine äußerst hübsche, quadratische und schimmernde Karabaghstute, und nicht zuletzt Niva, eine 10jährige Karabaghstute, die nach langem Zureden des Hengstbesitzers von der Besitzerin (eine Nicht-Aserbaidschanerin) der Karabaghzucht zur Verfügung gestellt wurde. Das erinnerte mich an mein langes und beständiges Reden bei einer deutschen Hengstbesitzerin, ihren Hengst zur Zucht zuzulassen, jedoch bisher erfolglos. Zwischendurch erfolgten immer wieder kleinere Gespräche (russisch-englisch-gemixt) mit den dortigen Pferdezüchtern über westeuropäische Zuchtstandards, Rassen, Reitweisen. Ein erstauntes Kopfschütteln wurde vor allem durch die Bemerkung bewirkt, dass mit einer Ausnahme, alle westeuropäischen Karabaghpferde im Besitz von Frauen sind, die auch sehr gut mit ihnen klar kommen und niemals einen abgeben würden. Bei einem dieser Gespräche erfuhren wir, dass die Rasse Dilboss in einer noch größeren Schwierigkeit steckt als die der Karabaghen. Die Population der Dilbossen beträgt allerhöchstens einmal 50 Exemplare und liegt damit an der Extremgrenze zum Aussterben. Mehrfach wurden wir eingeladen, im Herbst erneut zu kommen, da dann die Hauptrennen stattfinden und wohl auch Spiele zu Pferde, von denen wir später noch einiges erfuhren.

Als wir in Gedanken, jetzt erst recht mit viel Hunger im Magen, bereits auf dem Nachhauseweg waren, fiel Yashar siedendheiß ein, dass wir noch immer keinen einzigen Regierungskarabaghen gesehen hätten. Er entschuldigte sich, und es ging weiter; jetzt zu einem benachbarten Stall, den wir zuvor schon einmal betreten hatten, allerdings von einer anderen Seite. Wir sahen zunächst nichts, es war sehr dunkel, roch etwas muffig, und... ausgehend von einem langen Gang, sah man rechts und links vergitterte Boxentüren. Erst beim Öffnen entpuppten sich die dahinter liegenden "Löcher" als Pferdeboxen, in denen sich kleine, struppige, verängstigte, sehr knochige Pferdchen befanden, die im eigenen extrem trockenen (Wassermangel?) Mist standen und teilweise noch Halfter mit Stricken dran trugen und entfernt an Karabaghen erinnerten. Beim Näherkommen bemerkte man weit aufgerissene, angstvolle Augen und die Tiere drängten sich in die äußerste Ecke. Sie schienen Futter und Einstreu nicht einmal dem Namen nach zu kennen, geschweige denn Beachtung durch Menschen. Hier sahen vierjährige ausgewachsene Karabaghen durch die Unterernährung noch wie Fohlen aus. Ich werde dies nicht verschweigen, Herr Minister, auch wenn ich dann Gefahr laufe, keinen Karabagh kaufen zu dürfen! Es war ein Jammer. Wie kann man Kreaturen, noch dazu solche Kulturgüter nur so behandeln? Wir vergaßen vor Erschütterung selbst das Fotografieren. Leider!

Wir vergaßen selbst unseren eigenen Hunger ... (...,der aber anschließend in einem türkischen Restaurant ("Anadolu") sehr günstig und umfangreich gestillt wurde, natürlich wieder mit je einer Blume für beide Damen). Nachmittags musste das vorgesehene Programm wieder umgeschmissen werden, da die örtliche Presse einen Interviewtermin anberaumt hatte: 14.00 Uhr bei Mahmud Mamedov, einem der lokalen Karabaghzüchter, einem Mann mit relativ großem Einfluss, da er Vorsitzender des Reitvereins, Vorsitzender der Bank, Vorsitzender eines Versicherungsunternehmens und Chefredakteur der "Günay" (Tageszeitung) war: Logischerweise wieder mit Yashar als Dolmetscher für englisch-aserbaidschanisch und zurück. Das Interview beinhaltete folgende Antworten auf die Fragen: wie kommt man/frau an einen Karabagh in Deutschland? Warum interessiert uns die aserbaidschanische Zucht? Welche Vorzüge haben die Karabaghen, die andere Pferde (europäische / amerikanische) nicht haben? Welche Zukunft sehen wir für die Karabaghen? Was hat uns in Aserbaidschan beeindruckt?

Wir wiesen hier nochmals daraufhin, dass Pferde, die Häuser springen, Pferde, die Kurzstreckenrenner sind, Pferde, die Hohe Schule gehen, sicher nicht aus Aserbaidschan importiert werden; das was hier überzeugen sollte, sind handliche, nicht zu große (bis Stm. 150 cm), ansprechende, gutmütige, trotzdem wendige und schnelle Pferdchen, die zudem auch noch in einer seltenen Farbe mit Metalliclackierung gut ankommen. Die Zeitung versprach, das Interview noch in der laufenden Woche zu drucken und tags darauf Fotos zu machen, die ebenfalls mitgedruckt werden sollen. (In der Tat, das Interview erschien samstags in russisch und azeri und zwar eine halbe Seite mit Foto. Wir erhielten mehrere Exemplare dieser Ausgaben.)

Zweiter Tag in Baku

Noch immer hofften wir, dass ein Tag für das regierungseigene Gestuet in Lambaran eingeplant werden könnte, jedoch wurde dies von Tag zu Tag immer zweifelhafter. Ein Anruf von Yashar am Donnerstag morgen klärte uns darüber auf, dass die Planung für den Vormittag zunichte sei, er habe noch einige (es waren zig!!!) Anrufe zu erledigen, um den Nachmittag zu organisieren. Wir hatten viel Verständnis dafür, zumal Yashar ja sicher außer uns auch noch andere Verpflichtungen hatte. Also nahmen wir uns Bakus Innenstadt vor. Auch wenn uns zunächst die ganze Atmosphäre sehr exotisch vorkam, genau genommen waren aber wir diejenigen, die sofort durch unser outfit und unser Verhalten auffielen. Besonders auffallend waren die Extreme in Baku... uralte unrenovierte Wohnblocks (Plattenbauten) mit Satellitenschüsseln an jedem Balkon, nebenan aber moderne Gebäude mit Marmorfassaden und Leuchtreklame, das gleiche bei den PKWs: uralte Schigulis und Ladas neben 600er Mercedes, A8er Audis und 7er BMWs, alte messing Samoware im Schaufenster neben Internetcafés. Wächter und Bodyguards vor allen größeren Gebäuden mit öffentlichen Einrichtungen... von Regierung bis Versicherung - Extreme pur!

Abends machte uns Yashar nochmals Hoffnung, dass eine Besichtigung des regierungseigenen Gestüts vielleicht doch in greifbare Nähe gerückt sei. Da dieses jedoch in unmittelbarer Nähe zu einem Militärgelände sei, bedürfe es der Zustimmung der Regierung, dorthin zu gelangen. Es sei gestern extra eine Ministersondersitzung anberaumt worden, um dieses Problem zu erörtern (laut Yashar 10 Minuten nichts anderes). Haupttagesordnungspunkt waren aber die Deutschen (die Schweizer wurden generell als Deutsche angesprochen... sie hatten sich allmählich dran gewöhnt) mit ihrem Karabaghfimmel!!!! Wir erörterten am gleichen Abend aber auch noch anderes: einerseits haben wir Yashar nach Deutschland eingeladen, um uns und unsere Karabaghen zu besuchen, dazu waren noch einige Formalia nötig. Andererseits haben wir mit ihm abgeklärt, wie und ob es möglich sei, regierungseigene oder überhaupt irgendwelche Karabaghen käuflich zu erwerben. Während Yashar noch zwei Wochen vorher einen Verkauf von Stuten kategorisch abgelehnt hatte, war er jetzt nicht mehr ganz abgeneigt. Er würde uns eine verkaufen, meinte aber, es sei sinnvoller - das ist es auch - von den regierungseigenen Pferden welche zu übernehmen, und zwar in einem Alter, wo der Hunger den Pferden noch nicht so übel mitgespielt hat. Einen Transport könne er besorgen.

Das tat er auch... Der Transport über die Ukraine würde bis Deutschland 4500 $ kosten, und der Transporter fasse bis zu 6 Pferde. Dieser Preis wäre sogar noch akzeptabel, ohne dass sich dadurch die Kosten für die einzelnen Pferde rapide verteuerten, bliebe nur noch das leidige Importverbot der EU, das Einfuhren von Einhufern aus Aserbaidschan in die EU verbietet. Aber das hatte ich dem Ministerium aus Aserbaidschan ja schon 1994 mitgeteilt. Die hatten nur leider alles schön brav in der Schublade liegen lassen, wo es sicher noch liegt. Ich hatte -glücklicherweise- alle Kopien noch einmal mitgebracht und Yashar übergeben, der tags drauf fit war (Korrespondenz war ausschließlich in Russisch gelaufen) - Aber auch das Problem ließe sich ja jetzt mit vereinter aserbaidschanisch-deutscher Zusammenarbeit lösen. Wir vereinbarten dafür eine gemeinsame Marschroute. Hinzu kam noch, dass auch die Kontakte zur internationalen rare-breed-foundation in Rom nach der Unabhängigkeit Aserbaidschans total erloschen waren und nun einer neuen Kontaktperson bedurften, die die aktuellen Zahlen nach Rom weiter meldet und auch ständig aktualisiert. Yashar wollte dies übernehmen. Über die weitergehenden Zuchtkontakte wurde vor allem das Problem des Gefriersperma-Austauschs angesprochen. Hier fehlt den Aserbaidschanern leider noch die notwendige Ausrüstung. Aber zumindest die Möglichkeit des Gefrierspermahandels wird erwogen. Yashar und einige (eigentlich fast alle) aserbaidschanischen Privatzüchter wollen sich zu einer Organisation zusammenschließen, um gemeinsam größere Einflussmöglichkeiten zu haben - eine sehr gute Idee, die wir hier nur unterstützen können. Eine große Überraschung kam dann zum Schluss: Yashar füllte das Antragsformular zur IG Karabagh aus und unterschrieb es. Wir haben also nun ein aserbaidschanisches IG Karabagh Mitglied! Herzlich willkommen! Auch hier wurde weitestgehende Zusammenarbeit versprochen und ist auch schon voll im Gang.

Dritter Tag in Baku

Heute war der Fototermin mit "Günay" einer Tageszeitung in Baku vorgesehen. Wir sollten morgens zur Rennbahn kommen, um dort live mit Karabaghen agieren... Als wir ankamen herrschte bereits reger Trainingsbetrieb. Einige Karabghen wurden auf der sehr holprigen -weil eigentlich nur mit dem Pflug durchgezogenen- Außenbahn trainiert, andere auf einem in der Mitte der Rennbahn neu angelegten Dressurviereck, das mit Sand aufgefüllt war, in englischem Stil geritten. Weiter hinten sah man auch Pferde im Training. Einer dieser Karabaghen war für unseren Fototermin vorgesehen: der Hengst Siavush, ein vierjähriger Kupferfuchs. Verena durfte ihn reiten. Er ging super, reagierte auf die geringsten Zügel- und Gewichtshilfen und ließ sich problemlos dirigieren. Es machte richtig Spaß. Den würde ich sofort nehmen, nur leider war er unverkäuflich. Pech für uns. Auch Hans-Peter durfte ihn mal ausprobieren, für Sandra wurde ein anderer Hengst gesattelt. Danach stellten wir uns noch mit dem Zuchthengst Carabin zu einem Zeitungsfoto auf, das dann auch (allerdings mit falscher Unterschrift) am Samstag erschien.

Was jetzt folgte, war für mich mehr als beeindruckend. Wir besuchten den erfolgreichsten Karabaghjockey aller Zeiten namens Tagilev, der auch dabei war, als 1955 "Zaman" als Geschenk an Königin Elisabeth II übergeben wurde, er sammelte sechs Siege in Folge, unter anderem auf solch bekannten Beschälern wie Zaman, Schaghbulag, Naliw und Puljemet, vor allem letzterer unübertroffener Sieger in Flachrennen auf der Rennbahn in Baku. Was uns jedoch sehr seltsam anmutete, war die Unterkunft dieses in Aserbaidschan sehr bekannten und geschätzten Mannes (mittlerweile über 80 Jahre alt): er bewohnte (?) eine umgebaute Pferdebox an der Rennbahn. Sein Namensschild sind alle Fotos von Pferden, die er in seiner Laufbahn je zum Sieg führte.

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